Arbeitsplatz der Zukunft: Weder eigenes Büro, noch Home Office

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Betrachtet man dagegen die aktuell tatsächlich gegebenen Arbeitsbedingungen, so muss man zu einem etwas anderen Schluss kommen: Der Arbeitsplatz der Zukunft wird zwar wohl weiterhin flexibilisiert werden, aber sich nicht gänzlich ins Home-Office verlagern. Der Arbeitsplatz der Zukunft wird vielmehr so aussehen, dass man sowohl anwesend wird sein müssen als auch kein eigenes Büro mehr hat. Erklärung folgt.

Mehr Forderungen nach Selbstverwirklichung und Autonomie

Der Trend der vergangenen rund 40 Jahre hat deutlich gezeigt, dass die Ansprüche der Beschäftigten an ihre Arbeit sich massiv gewandelt haben. War es zuvor noch am wichtigsten, innerbetriebliche Aufstiegsmöglichkeiten zu haben, sich ein Eigenheim, ein Auto und Urlaub leisten zu können, so werden heute vermehrt Selbstverwirklichungs- und Autonomieansprüche an die Arbeit gestellt. Die Arbeit soll nunmehr salopp gesagt nicht stupide sein und nur dem Gelderwerb dienen, sondern auch Spaß machen und der eigenen Individualität Rechnung tragen.

Damit verbunden haben eine Auflösung der starren Arbeitszeitmodelle und Arbeitsbedingungen stattgefunden. Viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bieten heute etwa die Möglichkeit zur Gleitzeit oder zum Home-Office an; die klassischen Einzelbüros gibt es heute kaum mehr; stattdessen gibt es nun Desksharing und Coworking Spaces. Die Kommunikation innerhalb der Organisationen hat sich zudem stark digitalisiert: Ob es um eine IT Personalvermittlung über das Internet, um Investmentfragen oder Psychotherapie geht - immer mehr findet der Kundenkontakt auf digitalen Kanälen statt.

Gleichwohl scheint es auch einen neuen Trend zu geben: So bestehen einige Arbeitsplatzmodelle darin, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einerseits mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten zuzugestehen; auch die Arbeitsplätze selbst werden, wie gesagt, flexibler gestaltet: Es gibt keine Einzelbüros, sondern nur noch flexible Arbeitsplätze, die man nach Bedarf buchen kann. Andererseits wird von den Arbeitenden jedoch immer mehr Präsenz am Arbeitsplatz verlangt. Die Beschäftigten haben also zum einen mehr Entscheidungsspielräume, wenn es darum geht, wann sie kommen und gehen können und von wo aus sie in der Firma ihre Arbeit verrichten; zugleich jedoch müssen sie auf alle Fälle da sein und verlieren auch die Option, auf der Arbeit so etwas wie eine Privatsphäre oder doch zumindest einen geschützten Raum zu haben, an dem sie in völliger Abgeschiedenheit arbeiten können.

Negative Effekte der modernen Arbeitswelt

Diese moderne Arbeitswelt bringt für die Beschäftigten demnach eine Reihe negativer Effekte mit sich. Nicht nur wird der Tendenz zum Home-Office damit ein Riegel vorgeschoben, sondern auch die interne Kontrolle und Überwachung werden gesteigert. Das Interessante dabei ist, dass diese Effekte im Hinblick auf die Freiheitsspielräume der Arbeitenden sich im Grunde also negativ auswirken können, wogegen sie ansonsten jedoch eher als positiv dargestellt und von den Beschäftigten bewertet werden.

Denn wer kein eigenes Büro hat, stets wie auf einem Präsentierteller arbeiten muss und gleichzeitig kein Home-Office machen darf, der soll augenscheinlich einem subtilen Kontrollregime unterworfen werden. Die permanentente Sichtbarkeit und Unmöglichkeit, sich legitimerweise in einen geschützten Raum zurückzuziehen, sorgt etwa dafür, dass man sich ständig überwacht fühlt und insofern eben überhaupt nicht frei agieren kann. Jeder überwacht jeden; und jeder konkurriert mit jedem, obwohl de facto doch nachgerade penetrant Teamwork und Kreativität beschworen werden. Dass ausgerechnet die Abschaffung von Einzelbüros somit als Zugewinn von Freiheitsgraden gedeutet wird, erscheint vor diesem Hintergrund als absurd. Und die teilweise nachgerade widerspenstige und irrationale Weigerung einiger Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, den Beschäftigten die Möglichkeit von Home Office einzuräumen, wo es doch an sich problemlos umsetzbar wäre, erweist sich bei näherem Hinsehen als Ausdruck eines Kontrollbedürfnisses, das alles andere als auf eine Erweiterung von Autonomiespielräumen verweist.

Der Arbeitsplatz der Zukunft, so lässt sich ausgehend vom Status quo mutmaßen, dürfte faktisch weniger Autonomiespielräume mit sich bringen als gemeinhin kolportiert wird. Dazu dürfte es erst kommen, wenn der generelle Zwang zur Präsenz am Arbeitsplatz wirklich aufgehoben worden ist und für den Fall, dass es angesichts von spezifischen Arbeitsanforderungen mal nicht ohne Präsenz geht, die Beschäftigten entsprechende Rückzugsräume innerhalb der Arbeitssphäre erhalten.

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